Organization without Management

So lautete der Titel eines fantastischen Vortrages von Jos de Blok, Gründer und Managing Director der niederländischen Hauskrankenpflege-Firma Buurtzorg, den ich kürzlich im Bildungshaus St. Arbogast in Vorarlberg gehört habe. Buurtzorg ist ein Social Business das vor 10 Jahren mit 4 Mitarbeitenden begonnen hat, und nun über 10.000 hat, und ist weltweit ein Modell für Innovation, Change, und Gesundung ganzer Systeme. Das unglaubliche Wachstum kam fast ausschließlich durch Mundwerbung und Zufriedenheit der Klienten sowie Pflegekräfte zustande. Es gibt dort tatsächlich kein Management (Jos de Blok trägt seinen Titel als Managing Director nur pro forma, er hat niemanden zu führen), jedes Krankenpflege-Team mit bis zu 12 Pflegekräften steuert sich vollständig selbst. Der wirtschaftliche Erfolg ist beeindruckend, ebenso die MitarbeiterInnen- und Klientenzufriedenheit. Die Firma ist (auch) deshalb so erfolgreich, weil sie diesen nicht direkt anstrebt – sondern Sinnerfüllung für die Mitarbeitenden und Kundenzufriedenheit. Buurtzorg ist sinn-, nicht gewinngetrieben. Neue KollegInnen werden von den Teams selbstständig ausgewählt. In der zentralen Administration sind nur 50 Mitarbeitende beschäftigt – die Selbstorganisation der Teams ermöglicht das. Entscheidungen werden ausschließlich dezentral gefällt. Ein Satz von allgemein anerkannten Prinzipien stellt dabei die „Leitplanken“ dar. Die Abrechnung, Leistungserfassung und Administration ist einerseits sehr einfach (lean-Grundsätze) und transparent gehalten, andererseits durch ein hocheffizientes Echtzeit-IT-System unterstützt. Die Pflege erfolgt ganzheitlich, weil die Pflegekräfte umfassende Leistungen erbringen – immer und ausschließlich auf der Basis der Kundenbedürfnisse. Das ist die grundlegende Strategie: die Beziehung zwischen den Klienten und den Pflegekräften zu gestalten.
Die Prinzipien, auf denen Organisationen wie Buurtzorg basieren, hat Frederic Laloux in seinem Beststeller „Reinventing Organizations“ beschrieben:

  1. Selbstorganisation
  2. Ganzheitlichkeit
  3. Evolutionärer Sinn.

Auch wenn sich das Buurtzorg-Modell nicht direkt auf andere Organisationen übertragen lässt (z.B. aufgrund langer Supply Chain oder hoher Fertigungstiefe), kann man für die Gestaltung von Organisationen und die Unternehmensentwicklung viel daraus lernen. Beispielhaft sind einige Ansatzpunkte angeführt.

  1. Selbstorganisation: alles was diese fördert wird massiv unterstützt. Z.B. Aufbau einer Vertrauenskultur, weitgehende Delegation und Zentralisierung; Gestaltung der Beziehungen auf Augenhöhe  – weitgehender Abbau von Hierarchie von Chefs über Untergeordnete. Stattdessen gibt es eine flüssige „Hierarchie“ von Anerkennung, Einfluss, und Fähigkeiten. Wir sprechen auch von Kreiskultur – im Kreis ist jeder gleich viel wert. Entscheidungen werden meist mittels systemischen Konsensieren getroffen.
  2. Ganzheitlichkeit: der Mensch, egal ob Kunde oder MitarbeiterIn, wird als ganzer gesehen – mit allen seinen Bedürfnissen, Fähigkeiten, aber auch Defiziten. Emotion hat den gleichen Stellenwert wie Ratio. Viele Firmen haben einen ruhigen Reflexionsraum irgendwo im Büro, in dem man sich zurückziehen kann. Oder sie kreieren kollektive Momente der Selbstreflexion und Stille z.B. in Besprechungen.  Die Organisation baut Elemente von „Achtsamkeit“ in ihre Abläufe und Formate ein. Jedes Meeting startet mit einer persönlichen Runde , einem Check-in, und schließt mit einem Check-out ab. Viele Organisationen haben einen jährlichen Wertetag. Es gibt einen gut definierten und transparenten Konfliktlösungsprozess.
  3. Evolutionärer Sinn: Der übergeordnete Zweck, die Mission einer Organisation ist das Leitprinzip für die Entscheidungsfindung – nicht Profit, nichts Wachstum, nicht Marktanteil. Die Mitglieder der Organisation sind eingeladen darauf zu hören und zu verstehen was die Organisationen werden will, welchem höheren Zweck sie dienen will. Die Organisation orientiert sich am sog. übergeordnetem System, dem sie dient – das ist nicht zwingend der Markt.

Organisationen jeder Art, die auf dem Weg der Transformation zu einem wirklich nachhaltigen Unternehmen sind, tun gut daran, sich an diesen Prinzipien zu orientieren. Wir begleiten sie gerne dabei, denn wir orientieren uns selbst an diesen Leitlininen evolutionär-integraler Organisationen (F. Laloux).

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